Rezension Annette Schlemm »Fortschritt als Fehlschritt? Eine rettende Kritik«

[Die Rezension wurde von der Gewerkschaftszeitung Erziehung und Wissenschaft Niedersachsen abgelehnt, weil sie zu wenig Landesbezug aufweist. Bei der Gewerkschaft handelt es sich um die GEW.]

Mit Fortschritt als Fehlschritt? Eine rettende Kritik legt Annette Schlemm eine umfassende, historisch gestaffelte und politisch engagierte Auseinandersetzung mit einem der zentralen Leitbegriffe der Moderne vor. Der Fortschrittsbegriff wird dabei weder vorschnell verabschiedet noch ungebrochen verteidigt. Vielmehr verfolgt Schlemm das ambitionierte Ziel, ihn einer „rettenden Kritik“ zu unterziehen: Die ideologischen Überhöhungen, kolonialen Verzerrungen und zerstörerischen Wirkungen sollen offengelegt werden, ohne den emanzipatorischen Kern preiszugeben.

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Die Vertragsform kompostieren

Über Commoners’ Agreements und Mehr-als-Menschliches im Commoning

Gespräch zwischen Johann Steudle1 und Leo Hennecke2 – 26. September 2025, Göttingen3

Abstract

Im folgenden Gespräch zwischen Johann Steudle und Leo Hennecke geht es um das Konzept „Commoners‘ Agreement“ (CA) als Werkzeug für Commoning in der Rechtspraxis. Im Gegensatz zu staatlichem oder feudalem Recht erwachsen CAs aus gemeinsamer Aushandlung, der Anerkennung gegenseitiger Abhängigkeiten, kollektiver Verantwortung und Beziehungspflege. Themen sind u.a. die Abkehr vom abstrakten, patriarchalen Rechtssubjekt, wie Bedürfnisse der nicht-menschlichen Mitwelt in Vereinbarungen einfließen können und die Frage, wie CAs als präfiguratives Werkzeug kreative Lernprozesse fördern und auch in Krisenzeiten die Organisation gelingender Zusammenarbeit ohne Rückgriff auf staatliche Gewalt unterstützen könnten.

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Der Pilz am Ende der Welt

Lowenhaupt Tsing, Anna (2024, 7. Aufl.): Der Pilz am Ende der Welt. Über das Leben in den Ruinen des Kapitalismus. Berlin: Matthes & Seitz

Anna Lowenhaupt Tsing analysiert die Koexistenz von Matsutake-Myzelien, Rotkiefern, Bakterien, Menschen und anderem unter beschädigten Bedingungen.

Im Zentrum steht der Matsutake, ein stinkender Pilz, eine teure Delikatesse, ein Mykorrhiza-Netzwerk. In der Summe eine Ressource, die sich systematisch der Einhegung entzieht, nur in gestörten Wäldern wächst, sich nicht züchten lässt und damit menschliche Akteure zu Formen der Nutzung zwingt, die nicht komplett plan- oder gestaltbar sind. In diesem Sinne fungiert der Pilz auch als Gegenmodell zur Privatisierungslogik. Eigentum, Skalierung und Effizienz stoßen beim Matsutake an ökologische und soziale Grenzen. Tsing zeigt, dass trotzdem eine Warenkette entsteht und Wertverwertung stattfindet – jedoch in fragmentierten, prekären und vielfach informellen Netzwerken. Kapitalistische Wertschöpfung ist auf heterogene, nicht vollständig kontrollierbare Praktiken angewiesen. Das gilt für diesen informellen Sektor genauso wie für Carearbeiten.

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Die Utopie der Transformation: Der Metacommons-Zugang zur Inklusionslogik

Soeben habe ich in aus meinem Buch über Inklusionslogik das Kapitel über Commons und Kommunen veröffentlicht. Nach dem letzten Treffen des Commons-Instituts habe ich mir verstärkt dazu Gedanken gemacht, die Inklu-Theorie »anschlussfähiger« zu machen, also die Theorie auf der Grundlage praktisch umsetzbarer Ideen zu entwickeln statt umgekehrt. Im Ergebnis bin ich zu folgender praktisch realisierbarer Konzeption von »Metacommons« gelangt, zu der ich den aktuellen Stand der Überlegungen nun vorstellen möchte:

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Rezension von Annette Schlemm, Climate Engineering

Das Argument 343 (Titelbild)Aus Das Argument 343 (Dezember 2025), S. 605–608.

Schlemm, Annette, Climate Engineering, Wie wir uns technisch zu Tode siegen, statt die Gesellschaft zu revolutionieren, Mandelbaum, Wien, 2023 (Taschenbuch, 320 S., 20 €)

Die kapitalistische Wertverwertung ist dabei, die Erde in einen in Teilen unbewohnbaren Planeten zu verwandeln. Zu den Konsequenzen einer zu erwartenden Erderhitzung von drei Grad gehören extreme Hitzewellen und Dürren, das Absterben der Korallenriffe, die drohende Überflutung von Küstenregionen und -städten, sinkende landwirtschaftliche Erträge und häufiger werdende Extremwetterereignisse. Schon heute sind massive Schäden und zahlreiche vermeidbare Todesfälle die Folge. Da das eigentlich Notwendige – eine zügige und drastische Reduktion der Treibhausgasemissionen – kaum stattfindet, drehen sich immer mehr Debatten um den ›Plan B‹, die Hoffnung auf technische Lösungen zur Abwendung oder Abmilderung des Klimakollaps. Diese sind als Geoengineering oder Climate Engineering (kurz CE) bekannt.

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„Lurid sexual imagery“

KI-generiertes Bild

Halt, das ist kein durchgerutschter Spam-Beitrag, sondern ein kurze Info, was mit Beiträgen passieren kann, die sich mit Liebe und Sexualität auseinandersetzen. Es geht um diesen Post: Polyamorie-Vortrag in Trier von 2015. Dieser bezieht sich auf den Vortrag Anders lieben im mononormativen Kapitalismus?, den ich eben dort, in Trier, gehalten habe und dessen Folien ich anschließend hier bei keimform.de veröffentlichte.

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Call for Papers: Die Klimakatastrophe aus libertärer Perspektive

Symbolbild Trockene Erde

Für die Erde gilt Alarmstufe Rot … (Quelle: pxhere.com, CC0-Lizenz)

Die Klimakatastrophe – oft auch als Klimakrise, Klima-Umbruch oder Klimakollaps bezeichnet – ist unbestreitbar eine der drängendsten Herausforderungen unserer Zeit. Ihre Auswirkungen bedrohen die Lebensgrundlagen weltweit und stellen bestehende soziale, politische und ökonomische Systeme fundamental in Frage.

Die libertäre Zeitschrift espero widmet dieser Thematik ein Themenspecial und lädt dazu ein, die Klimakatastrophe aus dezidiert libertären bzw. anarchistischen Blickwinkeln zu beleuchten – Perspektiven, die in der Mainstream-Debatte oft zu kurz kommen.
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»Was wäre wenn…«

EINLADUNG

Mein Film „was wäre wenn…“ wird am 12.10.25 um 14.00 Uhr im Kino Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin gezeigt. Der Saal hat 500 Plätze, ihr könnt also reichlich Begleitung mitnehmen. Eintritt ist frei, es dürfen aber keine eigenen Getränke und Speisen mitgenommen werden. Wir haben den Saal bis 16.00 Uhr für anschließende Diskussionen. Für Kinder ist der Film nicht so geeignet.

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Anreize und Commons: Chance für eine zügige Transformation?

Commoning als Baum, der die Marktwirtschaft verdrängt
Commons-Prinzipien könnten mit einer gewissen Wachstumsdynamik die Marktwirtschaft verdrängen

Ein Großteil der Menschheit würde vermutlich von einer Welt profitieren, in der Commoning die Marktwirtschaft weitgehend verdrängt. Dennoch scheint es schwierig zu sein, ein überzeugendes Konzept für einen zügigen Übergang zu einem solchen Gesellschaftsmodell zu beschreiben – rechtzeitig etwa für das Stoppen der globalen Erwärmung. Hilft vielleicht ein System aus behutsam ausgestalteten Anreizen?

Eine auf Commoning basierende Gesellschaft wäre höchstwahrscheinlich sozial gerechter und inklusiver als die Marktwirtschaft. Sie böte den Menschen Gelegenheit, selbstorganisiert und basisdemokratisch über die Produktion1 und die Befriedigung ihrer Bedürfnisse zu entscheiden. Statt in die Taschen der Kapitaleigner – also in Dividenden und andere Profite – flößen Produktivitätsgewinne direkt in die Lebensqualität: in bessere Produkte und Technologien für einen geringeren Arbeitsbedarf.

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Dimensions of Planning in Commonism – Presentation

My presentation at the first conference of the International Network of Democratic Economic Planning (INDEP) is available (DE and EN downloads below).

Downloads:

  • Audio (deutsch, 1:15h): OGG, MP3
  • Audio (english, 0:20h): OGG, MP3
  • Manuscript (english): PDF